
Die Bären sind los (Revelstoke)
Stell dir vor, du machst einen Waldspaziergang, fühlst dich völlig geerdet und bist entspannt. Hier und da brechen Sonnenstrahlen durch die Baumkronen und werfen fantastische Strahlenlichter auf die Bäume. Und ob dieser Schönheit bist du ganz beseelt und glücklich. Schweigend läufst du weiter und vergisst bald Raum und Zeit. Glücklich genießt du die Stille um dich herum und freust dich, wenn du den einen oder anderen Vogel zwitschern hörst.

Habe ich gerade “Stille” gesagt? Wir sind ja im Bärenland und der Super-Verkäufer im Treckingshop hat uns diverse Tipps mitgegeben, wie wir uns beim Trecking verhalten sollen. Heißt: möglichst viel Krach machen, laut quatschen, klatschen, singen, pfeifen, tröten, klingeln… damit der Bär, der hier in Kanada hinter jeder Kurve lauern könnte, hört, dass wir kommen und abhaut. Dass damit jegliche Entspannung flötengeht und alle anderen Tiere und Vögel natürlich auch flüchten, ist ein kleiner Nebeneffekt. Immerhin könnte ja ein Bär um die Ecke kommen. Beware of the bear, sage ich mal und füge noch hinzu: Prepare for the bear.
Ganz ehrlich? Ich wäre wahnsinnig happy einen Bären in freier Wildbahn zu sehen. Auch ginge ich liebend gern entspannt und ruhig durch den Wald und genösse die Atmosphäre. Nur ist das schlecht möglich, weil an jeder Ecke geklatscht wird. So, wie es uns der Verkäufer auch alle anderen geraten haben. Ich darf noch nicht einmal ein paar Meter allein hinter Lisa Berg gehen und die Stille genießen. Und dann singen wir „Versuch‘s mal mit Gemütlichkeit“ zusammen.
So! Und jetzt frage ich mich, warum hier nicht endlich mal ein Bär auftaucht und uns bittet, doch still zu sein oder ein anderes Lied zu singen. Außerdem frage ich mich, warum Balou der Bär im Dschungelbuch so fröhlich und tiefenentspannt gezeigt wird, während wir im Bärenland diesen Riesenzirkus veranstalten, nur um ihn von uns fernzuhalten. Natürlich: Wildnis, starkes Tier, Pranken, Mütter beschützen ihre Kinder etc. Trotzdem ist ein Bär doch ein Tier, das eher ruhig ist anstatt auszurasten.

Wer in den Rockies unterwegs ist, sucht früher oder später freiwillig den Boden nach Pfotenabdrücken ab. Das haben die Spurensucher bei Winnetou auch immer gemacht. Dank eines Kinderquizs weiß ich nun, dass die Köttel eines Bären fast wie große runde Schokoladenmandeln aussehen. Wahlweise könnten auch ausgerissene oder angeratschte Bäume auf die Anwesenheit von Bären hinweisen.
Also inspiziere ich klatschend, singend und rasselnd jeden Kackhaufen, der sich mir bietet. Dampft er noch, kann der Bär nicht weit sein. Dann wäre es allerdings auch zu spät, ihm auszuweichen. Wie man sich bei einem überraschenden Bärenmeeting sinnvollerweise verhält, erzähle ich euch beim nächsten Mal. (klassischer Cliffhanger, dramatische Musik)

PS: Zwischenzeitlich haben wir schon mehrere Bären am Straßenrand oder von einer Gondel aus gesehen. Es ist immer ein Tränchen-des-Tages-Augenblick. Unfassbar, diese Bären.
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