
Surfies
Ich glaube, Surfen ist etwas für Masochisten. Zumindest wenn man Anfänger ist.
Zuerst kämpft man sich mit dem Brett vorm Kopf durch die Wellen, um ganz weit nach hinten anzukommen. Dann verharrt man ewig im kalten Wasser und wartet auf die perfekte Welle. Kommt diese endlich an, muss man den exakten Zeitpunkt erwischen, an dem sich die Welle bricht, um in Fahrt zu kommen. Man paddelt wie blöde los, nimmt sogar in Kauf, dass man sich beim Sprung aufs Brett an der Finne die Beine aufreißt, die Knie aufschürft, das Brett einen unter Wasser zieht oder man sich beim Sturz ins Wasser plötzlich im Schleudergang einer Waschmaschine befindet und man sich innerhalb von Sekunden von jeglichem Orientierungs- und Zeitgefühl verabschieden muss.
Nicht, dass hier ein Missverständnis entsteht: Ich bin noch nie gesurft. Ich kenne das Surfen eigentlich nur vom Hörensagen. Um genau zu sein: Gerade sitze ich im Auto. Ich befinde mich auf dem Weg zu meinem ersten Surfkurs an den Atlantik. Aber Dank meiner erfahrenen Mitfahrer weiß ich schon, was eventuell (oder eher ganz wahrscheinlich) auf mich zukommen kommen wird. Hier die Top Ten der möglichen Gefahren, wenn man als Anfänger mit Brett ins Wasser geht:
Blaue Flecke und Schürfwunden bekommt man mit Sicherheit. Vor allem, wenn man mehr Wert darauf legt, braun zu werden und lieber den (kurzen) Shorti als den langen Neopren-Anzug trägt. Angeblich schützt der lange Anzug besser.
Nach drei Tagen Surfen wird man eher komatös herumliegen und gegen die Decke starren (insofern die Augen nicht bereits blessurerisch beeinträchtigt sind), weil man vor lauter Muskelkater den eigenen Körper nicht mehr bewegen kann. In diesem Fall sollte man Yoga machen! Die Übung „fühle dich eins mit dem Boden“ verspricht endlich ein immenses Erfolgserlebnis.
Zehennägel verschwinden plötzlich halb oder ganz. Aber wer braucht die schon?
Wer schon immer mal wissen wollte, wie es in einer Waschmaschine zugeht, kann das problemlos beim Surfen probieren: Einfach mal die Kontrolle über Brett, Welle und Körper verlieren und schon befindest du dich im Schleudergang einer imaginären Waschmaschine und wenn du Glück hast, bekommst du dabei keine herumschleudernde Steine ab. Dieser Zustand wird dir wie eine Stunde vorkommen. Das Gute im Schlechten: Tatsächlich sind es nur 3-5 der absoluten Orientierungslosigkeit. (Wer braucht denn da noch die Black Mamba oder Talukan vom Phantasialand)?
Wenn du dich ungeschickt anstellst, wirst du eventuell einige Zähne verlieren oder wenigstens ein blaues Auge bekommen, weil es möglich ist, dass dich beim Waschmaschinengang das Brett ungünstig trifft.
Weil das Surfen so anstrengend ist, wird man viel essen müssen. D.h. möglicherweise kehrst du mit einigen Kilos mehr auf der Waage zurück. In diesem Fall bedeutet das aber, dass du nicht ordentlich gesurft bist. Denn eigentlich sollten sich Sport und Essen miteinander in der Waage halten. Ungünstig ist natürlich in diesem Fall der Zeitraum, in dem man surft. Wenn man beispielsweise die WM schaut und hierbei zuviel Alkohol trinkt, ist jeder „good will“, sportlich zu sein und beim Surfen doch irgendwie abzunehmen, dahin. (Mist, heute ist das Endspiel. Das Gute im Schlechten: Heute ist das Endspiel. Morgen gibt es keine Spiele mehr.)
Weil man wegen der Sonne immer die Augen zukneifen muss, sind weiße Falten um die Augen, auch weiße Krähenfüße genannt, praktisch unvermeidbar.
Neopren kann ganz schön die Haut wundreiben. Vor allem am Hals.
Wer sich zu lang im Wasser befindet, muss damit rechnen, dass sich die Hornhaut von den Füßen pellt. Das wird besonders dann schmerzhaft sein, wenn man über den heißen Sand läuft.
Zuguterletzt sei vor dem roten, nicht rosafarbenem Pavianarsch vom nur-mit-Bikinihose-Obershirt-Surfen gewarnt. Sollte dies der Fall sein, gewöhne dich daran, alles im stehen zu verrichten. Sitzen ist ab dann nicht mehr möglich.
Egal, wie lange es braucht, um endlich auf dem Brett zu stehen, eines sollte immer klar sein: Ohne ein angemessenes sportliches Training sollte niemand ins Wasser gehen. Dazu gehören 60 Liegestützen, 100 Sit Ups und vielleicht noch ein paar 85 Crunches … Und wenn man man schonmal dabei ist, dann schaden auch die 50 Klimmzüge nicht, die man aus Spaß an der Übung hinterher schieben sollte. Ganz zu schweigen von den drei Tagen Ausdauertraining pro Woche. Allerdings darf man sich hier zwischen Joggen und Rudern entscheiden. Wenigstens bleiben die antrainierten Muskeln einige Tage länger im Körper und wenn man stark motiviert ist, könnte man sie weiterhin trainieren. Aufbauend, nicht wahr?
Aber wenn man es einmal geschafft hat, auf dem Brett zu stehen und tatsächlich eine Welle für 2 Sekunden zu reiten, so soll alle Schmerz und Pein vergessen sein, heißt es. Angeblich wird das Surfen alles verzeihen und wenn nicht direkt beim, dann wird man das nach dem Surfen tun. Logisch: Warum sollte man sich auch über irgendwelche Probleme noch Gedanken machen, wenn man sowieso schon genügend davon hat, weil man eben nicht surfen kann?
Manche sprechen ja auch von dem tollen Surfgefühl, wenn man endlich mal auf dem Brett stehenbleibt und als Weißwasseraner auch einmal die grüne Welle erreicht. Rührt dieses Gefühl nicht eher daher, dass man endlich jeglicher Gefahrenzone entfliehen konnte? Ist es da ein Wunder, dass die Millionen blauen Flecken und Kratzer, Schürfwunden, abgerissenen Zehennägel, und der schmerzvolle Muskelkater plötzlich wie durch ein Wunder vergeben und vergessen sind?
Wie sieht es eigentlich nach dem Surfen aus? Ist das Glücksgefühl nicht nur ein fieses Ablenkungsmanöver von der eigentlichen Tatsache, dass du deinen Körper einfach nicht mehr unter Kontrolle halten kannst? Nicht unwahrscheinlich ist nämlich, dass dir plötzlich beim Abendessen einfach so ein Schwall Salzwasser aus der Nase flutscht, den du leider weder erwartet hast noch aufhalten kannst. Aber sei froh, dass es nur beim Abendessen war.
Nicht auszudenken, wenn dir das bei einem heißen Flirt passieren würde oder du gerade über Gott und die Welt philosophieren oder gar ernsthaft über Heidegger dozieren würdest.
Zusammengefasst: Wenn also die ersten blauen Flecken, Blessuren, Kratzer, Schürfwunden, abgerissenen Zehennägel und Kopfnüsse verschwunden sind und jegliche Gefahr tapfer überstanden und auch tatsächlich überlebt worden ist, wirst du dann endlich den versprochenen Glückszustand erreicht haben. Und falls du soweit bist, kann dich das Surfen süchtig machen.
Die Frage ist nur, ob du in diesem Stadium mit einem Suchtgefühl überhaupt umgehen kannst.
Sign up with your email and always get notifed of Avada Lifestyles latest news!

